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Viktoria

Es war gar nicht so leicht, sie davon abzubringen. Ich versuchte es zum Beispiel mit ihrem Kleid. Ich sagte zu ihr: »Was für ein hübsches Kleid! Und wie jung du darin aussiehst. Das hast du sicher mir zuliebe angezogen.« Ich meinte tatsächlich, daß es dasselbe Kleid sei, das ich kannte und so gern mochte. Und das meine ich auch jetzt noch. Aber sie nahm keine Notiz von dem Unsinn; sie merkte, daß ich sie nur ablenken wollte. Außerdem kennt sie mich viel zu genau; sie weiß, daß ich nichts von Kleidern und Moden verstehe. Sie hat ja inzwischen zwei Kinder und ist wieder verheiratet. Der Mann trat gar nicht in Erscheinung, als wir uns unterhielten, nicht ein Schatten von ihm. Sonst hätte ich mich natürlich ganz zurückgehalten, wie es sich gehört. Ja, und deshalb glaube ich, daß es wirklich dasselbe Kleid war, auch wenn sie es nicht zugeben wollte. Doch ganz gleich.
Zum Glück fiel mir das mit der Blockflöte ein. Das heißt, während ich überlegte, wie ich es anfangen sollte, hörte ich die Melodie. Eine Gaillarde oder ein Rondeau oder eine Air. Oder auch alle auf einmal. Das sind altmodische Bezeichnungen. Sie müssen ja für alles Bezeichnungen haben, sonst vergessen sie es. Eine Gaillarde ist etwas, was nach ihrer Meinung lustig ist, und eine Air soll etwas traurig sein. Aber darauf kommt es nicht an. Sie merkte, daß ich darauf lauschte, und da hörte auch sie es. Das war das richtige.
Ja, also wie ich sie in unsere eintönige Gräberreihe einbiegen sehe, mache ich mich schnell auf und schlendere ihr entgegen, um sie davon abzubringen. Sie geht sehr flink, so zielbewußt und pflichteifrig. Vielleicht ist es wegen der beiden Kinder, die sie in den Kindergarten gebracht hat, während sie mich auf dem Friedhof besucht. Doch nein, so geht sie immer. Etwas zu große Schritte und ein wenig außer Atem. Der Rock weht ihr dabei um die Beine. Es ist bestimmt derselbe Rock, auch wenn sie es nicht wahrhaben will. Und sie ist doch so jung und brauchte gar nicht so schnell zu gehen. Und so sicher ist sie sich ihrer Sache nun auch wieder nicht, das macht sie sich nur vor.
Zudem ist es sehr warm; die Sonne sticht; gegen Abend wird es ein Gewitter geben. Unsere Gräberreihe ist noch viel zu neu. Man hat Bäume und Sträucher angepflanzt, gespart hat man nicht, aber das alles muß erst wachsen, bevor wir Schatten haben werden.
Obendrein trägt sie einen großen Kranz. Viel zu groß für sie. Es tut einem weh, wenn man sieht, wie sie sich damit abschleppt. Der Arm muß ihr bereits lahm davon sein. Trotzdem schlendere ich ihr entgegen. Ich will sie nicht erschrecken. Vielleicht ist sie in Gedanken, in anderen Gedanken. Vielleicht denkt sie an die Kinder, das wäre nur natürlich.
»Wo willst du denn mit dem Mordsapparat hin?« frage ich sie und versuche ihr den Kranz abzunehmen. Zuerst hält sie ihn krampfhaft fest und macht ein entrüstetes Gesicht, so daß ich lachen muß, aber als sie merkt, daß ich es bin, läßt sie ihn mir mit einem Seufzer und sagt: »Danke.« So hänge ich ihn mir über den Arm und wiege ihn.
»Der muß aber viel Geld gekostet haben«, sage ich.
»Aber es ist doch heute der Jahrestag«, sagt sie.
Der Jahrestag? Welcher Jahrestag nun schon wieder? Daß ich nur keinen Fehler mache. Ich schnuppere in der Luft und rieche, daß die Linden blühen. Daran erkennt man, was mit Jahrestag gemeint ist. Der Duft weht warm und süß über die Erde. Man kann ihm nicht entrinnen. Wie ein Schleier aus Honig liegt er über allen Dingen. Auch das Kissen, auf das man den Kopf legt, wird zu Honig. So dringt er einem durchs Ohr in den Kopf, und auch die Gedanken werden zu Honig. Drei Tage lang hält man das Summen aus, dann läßt es sich nicht mehr ertragen. Man stürzt sich ins Meer, um sich abzukühlen. Aber der Duft weht auch über das Meer, selbst die Wellen werden zu Honig, und wenn man untertaucht, nimmt man noch davon mit.
»Ich habe ein schlechtes Gedächtnis für Zahlen und Daten«, sage ich, »das weißt du doch. Einmal habe ich sogar unsern Hochzeitstag vergessen.«
»Es war der Verlobungstag«, sagt sie vorwurfsvoll.
»Nun, siehst du«, sage ich und versuche sie von meinem Grab abzudrängen. Das ist nicht leicht; sie hat es sich vorgenommen. Sie ist so zielbewußt.
Links und rechts an der Gräberreihe machen sich Frauen zu schaffen. Viel ältere Frauen. Einige sind grau und dick, aber auch magere sind dabei. Sie haben kleine Schaufeln und Harken und Gießkannen und Konservendosen und Marmeladengläser und Blumentöpfe in den Händen. Wenn sie sich bücken, stöhnen sie, und wenn sie sich aufrichten, tut ihnen das Kreuz weh.
Ich will nicht, daß sie eine von diesen Frauen wird und da herumgräbt. Das kann ich nicht dulden. Sie ist viel zu jung dafür. Auch für mich wäre es nicht das richtige.
»Vor Tagesanbruch kommen die Diebe und schneiden die Blumen ab«, erkläre ich ihr. »Sie verkaufen sie an die Restaurants.«
»Was für eine Gemeinheit!« ruft sie. »Tut man denn nichts dagegen?«
»Es gibt mehr Diebe als Wächter. Und die Diebe sind auch schlauer. Sie lassen sich nicht abschrecken. Aber so schlimm ist das nicht.«
»Nicht schlimm?« sagt sie und bleibt wütend stehen. Das war es ja, was ich erreichen wollte. »Nicht schlimm? Und die armen Frauen da, die sich solche Mühe geben?«
»Man muß an die Leute denken, die mittags im Lokal essen. Sie haben nicht viel Zeit, die Mittagspause ist nicht lang. Wenn dann Blumen auf dem Tisch stehen, freuen sie sich.«
Doch das befriedigt sie nicht, sie steht ratlos da, und darum rede ich weiter: »Bei mir wachsen Butterblumen und Löwenzahn, die stiehlt keiner. Sehr lustige Blumen, besonders die Pusteblumen. Wenn ein Windstoß kommt, fliegen überall die kleinen Fallschirme umher. Die Frauen da mit ihren Schaufeln und Harken sind ganz wehrlos dagegen. Und neulich kam ein Dompfaff mit seinem Kind und zeigte ihm, wie man es macht. Er flog an den Stengel der Pusteblume, so daß sie sich zur Erde bog, und dann stopfte er dem Kleinen die Kerne in den Schnabel. Sehr geschickt und sehr lustig, ja. Was machen wir nun mit diesem Kranz?«
»Aber ... «, will sie rufen und versucht, mir den Kranz zu entreißen, doch ich lasse ihn nicht los. Wir zerren einen Augenblick daran, und dabei fällt leider eine der pompösen Blumen heraus. Wirklich, es fehlt nicht viel, und sie fängt an zu weinen.
»Sei doch vernünftig«, tröste ich sie. »Du weißt doch, das paßt nicht zu mir. Du kennst mich doch besser als irgend jemand. Wenn ich mit so einem Kranz ankomme, werden die anderen sich über mich lustig machen. Sie werden sagen: 'Hallo, hat man dich preisgekrönt?' Dann muß ich ihnen erst alles lang und breit erklären. Ich müßte über dich reden, und das tut man doch nicht; das willst du auch sicher nicht. Das sind doch alles selbstverständliche Dinge, über die man nicht zu reden braucht, und wenn man dazu gezwungen wird, dann ist es nicht mehr dasselbe und wird peinlich.«
Sie schüttelt den Kopf und läßt den Kranz los. Das wäre also geschafft. Aber wohin damit? Dieser Kranz ist ein wahres Elend.
»Komm«, sage ich. »Siehst du da hinten das Gebüsch. Es sind nur ein paar Schritte. Dort ist ein großartiges Grab. Es riecht zwar sehr nach Bohnerwachs wegen der vielen Thujen, aber das Grab ist wirklich großartig. Ein riesiger Felsblock, er muß mehrere Tonnen wiegen. Man hat den Untergrund betoniert, damit der Stein nicht in der Erde verschwindet. Vermutlich ein Präsident. Oder ein General. Was weiß ich. Manchmal kommen Herren in schwarzen Anzügen, doch nicht sehr oft. Die halten dann Reden, sehr feierlich, und legen Kränze mit bunten Bändern hin. Darauf steht: Die dankbare Nation! und mehr dergleichen. Ich habe es mir genau gemerkt, weil es so komisch ist. Denn wir stehen natürlich herum und wundern uns; wir machen auch unsere Witzchen darüber, nur so unter uns. Manchmal kommen auch Kinder, eine ganze Schulklasse, und singen ein Lied. Das klingt schon besser, dagegen läßt sich nichts sagen. Der Mann aber, für den das alles bestimmt ist, ist meistens gar nicht da; so als ob es ihn gar nicht gäbe. Nur wenn man ihm einen Kranz hinlegt, behängt er sich mit den Bändern und zeigt uns die Aufschriften. Wir sagen: Schon gut! Schon gut! und verdrücken uns nach Möglichkeit. Denn was soll das alles? Und wie lästig ist das feierliche Getue. Wir verstehen nicht einmal die Ausdrücke, die sie bei den Reden brauchen und die er den Herren nachredet.«
»lst das bei euch auch so?« fragt sie verwundert.
»Klar, und es ist auch ganz in Ordnung. Und im Grunde kann einem der Mann leid tun. Denn wenn er keine Bänder hat, und sie zerschleißen sehr rasch und die Schrift verblaßt, dann hat er gar nichts, womit er sich ausweisen kann. Dann ist es wieder so, als ob es ihn überhaupt nicht gebe. Das muß entsetzlich schwer für ihn sein. Komm, wir wollen ihm den Kranz hinlegen. Er hat ihn nötig.«
»Was geht mich der Kerl an«, sagt sie und geht ein paar Schritt weiter. Ich muß ihr recht geben; es war ein dummer Vorschlag. Aber wir stehen wenigstens nicht mehr an meinem Grab herum. Sie hat sich so über meinen Vorschlag geärgert, daß sie einfach weitergeht und ich mit dem Kranz hinterherlaufen muß.
Doch wohin mit dem Kranz? Man kann ihn nicht einfach wegschmeißen, das ist verboten. Die andern Frauen würden es sehen und den Gärtner rufen. Für verwelkte Kränze ist ein Abfallhaufen da, aber dieser Kranz ist noch frisch und hat viel Geld gekostet.
»Sieh mal«, sage ich zu ihr, als ich sie einhole, »da am Ende unserer Reihe die Figur da mit den Flügeln. ein Engel, glaube ich.«
»Es ist eine Viktoria«, berichtigt sie mich.
»Nun gut, die Dame heißt also Viktoria. Ich habe kein Gedächtnis für Namen, das weißt du doch. Aus welchem Anlaß auch immer, man hat das Mädchen für uns dahin gestellt, so scheint es gedacht. jedenfalls gehört die Frau keinem von uns allein, das behauptet auch niemand von uns. Schau nur, sie will mit ihren Flügeln den Gang zwischen unsern Gräbern entlangschweben wie so ein Fallschirm von diesen Pusteblumen. Obwohl sie doch aus schwerem Material ist. Wirklich, nicht schlecht gemacht. Den einen Fuß hat sie schon auf der Kante des Postaments, um sich abzustoßen. Sie holt gerade Luft. Sieh nur den Busen. Und wie das Gewand von dem Luftdruck an ihren Schenkeln klebt. Sogar den Nabel sieht man trotz der Falten des Stoffes. Wirklich, eine hübsche Person und gut gemacht.«
Während sie mißbilligend die Viktoria betrachtet, habe ich heimlich den Kranz unten an das Postament gelehnt. Es erfolgt auch kein Einspruch. Das wäre also geschafft. Welch eine Erlösung.
Trotzdem bin ich noch in Sorge. Vielleicht habe ich die Figur zu sehr gerühmt, und nur wegen des Nabels geht alles schief. Den Nabel hätte ich nicht erwähnen dürfen. Ich befürchte schon, daß sie der Viktoria den Kranz nicht gönnt und ihn doch wieder zu meinem Grab zurückschleppt. Dann bin ich mit meiner Weisheit am Ende.
Doch zum Glück, gerade als wir da ziemlich ratlos herumstehen, höre ich die Blockflöte.
»Warum hast du denn so lange nicht mehr Blockflöte gespielt?« frage ich. Ich merke, daß auch sie es hört. Sie blickt sich sogar nach den alten Frauen um, die an den Gräbern arbeiten, ob die es auch hören, aber die sind viel zu beschäftigt. Und dann blickt sie zu der Viktoria hoch, ob die vielleicht Blockflöte spielt. Aber mag sie auch Flügel haben und einen Nabel, Blockflöte kann sie nicht spielen. Und noch dazu die Melodien, die nur wir beide kennen.
»Wie kommst du gerade jetzt darauf?« fragt sie. Sie ist sich ihrer Sache noch nicht sicher.
»Ach, nur so«, sage ich. »Weißt du was, ich begleite dich zum Friedhofsausgang.«
Sie denkt nicht mehr an den Kranz, sie denkt nur an die Blockflöte. So gehen wir nebeneinander dahin. Es ist ein großer Friedhof. Eine Art Park mit Hügeln und Bäumen und Teichen. Und alles sehr gepflegt. Mit Bänken und Papierkörben. Hunde an der Leine zu führen. Wir können uns nicht beklagen. Der Friedhof gehört zu einer großen Stadt, die jenseits des Gitters liegt. Ihren Namen habe ich wie üblich vergessen. Ganz in der Ferne hört man das Brausen und wenn die Türen der Vorortsbahn an der Station zugeschlagen werden. Auch das Pfeifen des Stationsvorstehers, wenn der Zug abfahren soll, hört man bei einer gewissen Windrichtung. Das ist alles. Es stört nicht.
So gehen wir nebeneinander dahin. Es ist ziemlich weit bis zum Ausgang; unsere Gräberreihe liegt in einem neuen Viertel. Doch mir macht der Weg nichts aus. Und auch für sie ist es gut. Sie hat frische Luft nötig. Und die Luft ist bei uns gut. Es ist ein warmer Nachmittag, das Gewitter scheint sich verzogen zu haben. Es sind viele Leute unterwegs, um den Tag zu genießen. Hier und da sehe ich auch einen von uns, wie er sich gelangweilt den Betrieb anschaut. An solchen Tagen wissen die meisten von uns nicht viel mit sich anzufangen. Besonders die Sonntagnachmittage sind langweilig. Ich bin ganz froh, daß ich den Kranz los bin. Denn daß ich mit einem Mädchen spazierengehe, dagegen läßt sich natürlich nichts sagen. Das tun wir alle, wenn sich die Gelegenheit macht.
»Die Blockflöte liegt in dem alten Handkoffer mit Flicken«, erzählt sie mir. »Ich habe sie in ein Stück Flanell gewickelt.«
»Flanell?« frage ich.
»Damit sie nicht zerbricht.«
»Ich meine, warum liegt sie im Koffer?«
»Zuerst dachte ich, es schickt sich nicht«, erklärt sie mir. »Was sollten die Leute denken, wenn ich gleich wieder Musik mache. Nein, das ging nicht, das mußt du verstehen. Und dann mußte ich auch unsere Wohnung aufgeben und umziehen. So blieb die Flöte im Koffer. Und dann heiratete ich, und es war so viel Neues. So gut spiel ich ja auch nicht. Ich flöte nur, weil es mir Vergnügen macht, aber man kann anderen nicht zumuten, daß sie es schön finden. Vielleicht finden sie es kitschig und halten es für Zeitverschwendung. Das ist nun einmal so. Und du denkst natürlich, ich hätte nicht wieder heiraten sollen.«
»Aber warum denn nicht?«
»Doch, sicher meinst du das, ich weiß es genau.«
»Was für eine dumme Idee.«
»Ja, und dann kamen die Kinder, und es war wieder keine Zeit.«
»Vielleicht möchten die Kinder gern, daß du ihnen etwas vorflötest«, sage ich.
»Ja, daran habe ich auch schon gedacht«, sagt sie. »Vielleicht sind sie musikalisch. Natürlich müßte ich erst wieder üben. Ich werde keinen Ton mehr herauskriegen. Und ich müßte die Flöte auch einölen; sie wird ganz dürr geworden sein und nicht mehr klingen. Es war eine gute Flöte, keine für Anfänger. Ach, das Leben ist nicht immer so einfach, wie du dir das vorstellst.«
»Wer denkt denn so etwas?«
»Doch, du denkst es. Du hast es immer schon gedacht«, sagt sie und blickt mich vorwurfsvoll an. »Aber natürlich kannst du nichts dafür. Und wahrscheinlich werde ich doch nie wieder Flöte spielen, trotz allem. Ich habe nämlich Angst, daß man es merkt. Du weißt schon, was ich meine. Und es soll niemand merken. Es wäre Unrecht gegen die andern, wenn ich es merken ließe. Und wenn man Flöte spielt, kann man nicht so aufpassen wie sonst.«
Da sind wir auch schon bei dem Platz vor dem Friedhofsausgang. So schnell geht es, wenn jemand sein Leben erzählt. Das große schmiedeeiserne Portal steht weit offen, die Leute strömen herein und hinaus. Neben dem Portal ist das Häuschen des obersten Friedhofswärters. Er hat Listen und Register; man kann sich am Schalter erkundigen, wo die Gräber sind. Manchmal blättern wir aus Spaß darin. Zahlen, nichts als Zahlen. So zuverlässig. Wir nehmen uns dann vor, uns mit einer Zahl anzureden, doch bis es soweit ist, haben wir die Zahl schon wieder vergessen.
Und jenseits des Portals ist die Straße mit Autos und Straßenbahnen. Und auf der andern Seite der Straße sind Restaurants und Cafés und Blumenläden und Werkstätten für Grabsteine. Ich bleibe stehen, und auch sie bleibt stehen und fragt: »Was ist?«
»Hör zu«, sage ich, »ich kann dich jetzt nicht weiter begleiten. Man sieht es nicht gern, wenn wir tagsüber den Friedhof verlassen. Abends, wenn das Portal geschlossen ist, ist es etwas andres. Sonst würde ich dir vorschlagen, daß wir uns noch in eins der Cafés setzen. Du könntest ein Eis essen. Du magst doch so gern Schokoladeneis. Aber du hast es selber eilig. Du mußt die Kinder aus dem Kindergarten abholen. Und du mußt an das Abendessen denken.«
»Also dann«, sagt sie und will fortgehen.
»Nein, hör zu«, rufe ich. »Was soll die Hetzerei? Laß mich doch ausreden. Flanell! Flanell! Das ist doch gar zu lächerlich, nimm es mir nicht übel. Du mußt die Flöte gleich, wenn du nach Haus kommst, auspacken. Flanell! Das ist geradezu beleidigend. Und natürlich werden die Kinder es merken, ob sie musikalisch sind oder nicht, das spielt keine Rolle. Aber die Kinder finden das ganz in der Ordnung, für sie ist das nichts Besonderes. Und die andern Leute? Die Musikalischen? Wie sollen denn die etwas merken? Nichts! Nicht soviel! Sie hören, wenn ein Ton nicht so herauskommt, wie es in den Noten steht, oder wenn ein Takt wiederholt werden muß, weil er nicht gleich gelingt. Und dann denken sie: Na ja, sie kann noch nicht viel, aber mit der Zeit und wenn sie mehr übt... Oder vielleicht sagen sie: Spiel doch einmal etwas Lustiges. Und dann spielst du etwas, was sie für lustig halten, weil sie musikalisch sind. Das genügt ihnen. Mehr merken sie nicht davon. Mehr wollen sie gar nicht merken. Sie haben viel zuviel Angst davor. Ich aber, ich bin nicht musikalisch. Ich bin nebenan.«
»Nicht so laut«, sagt sie.
»Ich bin nebenan und höre es. Ich höre, da flötet jemand nebenan, weil er allein ist. Ich weiß nicht, ob es lustig ist oder traurig, denn ich bin nicht musikalisch; ich höre nur, daß es wahr ist. Ich höre, da spricht eine Frau, wie man nur nebenan spricht, und ich darf es hören. Ich gehe nicht zu ihr hinüber und sage. Du bist meine Frau! oder: Ich liebe dich! Oder was es sonst noch für Quatsch gibt. Ich bleibe nebenan und höre es. Denn wenn ich zu dir hinüberginge, gäbe es kein Nebenan mehr. Dann wären wir ganz verloren.«
»Nicht so laut«, sagt sie.

zuerst in: Neue Deutsche Hefte, Jg. 10 (1963), Bd. 96, S. 5-13

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