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Hans
Erich Nossack: " . . . müßte ich sagen, daß es sich wohl in jedem meiner Bücher um den Versuch einer Grenzerweiterung oder um einen Aufbruch ins Nicht-Versicherbare handelt." (Nossack im Interview mit Horst Bienek, S. 79) Der Schriftsteller Nossack begann als Dramatiker: Angeregt durch Strindberg, Hebbel, Barlach und andere entstanden zunächst vor allem Schauspiele, etwa das von den Ereignissen in Rußland inspirierte Revolutionsdrama "Ilnin" (1925) und "Die Rotte Kain" (1926), es folgten u. a. "Die Hauptprobe" (1933) und das Büchner-Drama "Der Hessische Landbote" (1936), daneben schrieb er in den dreißiger und vierziger Jahren auch Gedichte. Nach dem Ende des Krieges verlagerte sich der Schwerpunkt seiner literarischen Produktion obwohl er sich noch viele Jahre weiterhin als Dramatiker verstand in den Bereich der Prosa. Sein Bericht über die Bombardierung Hamburgs im Juli 1943, der 1948 unter dem Titel "Der Untergang" in der Sammlung "Interview mit dem Tode" erschien, machte ihn rasch bekannt und begründete seinen Ruhm als Prosaschriftsteller. Als Hauptwerk gelten heute seine Erzählungen und Romane, er selbst hätte wohl auch seine Tagebücher mit hinzugezählt, an denen er bereits als Jugendlicher geschrieben, von denen jedoch nur die Aufzeichnungen aus den Jahren 1943-1977 erhalten und seit kurzem veröffentlicht sind. Nossacks bevorzugte literarische Erzählweisen sind sachlich-nüchterne Formen wie der Bericht, das Protokoll oder die untersuchende Recherche, die sich mit Elementen des Märchens, des Mythos und des traumhaft Visionären verbinden. Seine Erzähler sind überwiegend praktisch denkende und fest im bürgerlichen Alltag verankerte Charaktere, die auf unterschiedliche Weise mit einer "anderen Wirklichkeit" in Kontakt gekommen sind und sich schreibend über die erfahrene Irritation Rechenschaft abzulegen versuchen:"Fast immer bedient sich Nossack kriminalistischer Attitüden,
trägt er scheinbar Indizien zusammen, gibt vor, einen Fall von
verschiedenen Seiten aus zu beleuchten, suggeriert dem Leser eine allmähliche
Klärung. Freilich wie minuziös auch immer ermittelt wird, das
Ergebnis aller Recherchen hält doch dem immensen Aufwand niemals stand, verflüchtigt
sich noch während des Entstehens. [. . .] Immer wieder bleiben Leerstellen in
Nossacks Prosa, und immer enthalten gerade diese Leerstellen das, worauf es diesem
Erzähler ankommt." Im Gegensatz zu den Erzählstrukturen, die vor allem im Spätwerk durch zeitliche oder erzählerische Verschachtelungen, eingeschobene Berichterstatter oder Berichte aus zweiter oder dritter Hand zunehmend komplex gestaltet sind, bemühen sich die Ich-Erzähler betont um Nüchternheit und Klarheit: sie versuchen jenseits der von Rationalität und Nützlichkeit geprägten Alltagswelt eine andere Wirklichkeit "hinter den Dingen" zu erfassen. Nossacks klarlinige und schlichte Sprache, die gleichzeitig enthüllt und verbirgt und die das Wesentliche zwischen den Zeilen auszusprechen bemüht ist, ist immer wieder als "stilistisch meisterhaft" (Karl Krolow) gerühmt worden. Eine gewisse "Sperrrigkeit" des Werkes zeigt sich allerdings nicht zuletzt darin, daß sich Kritik wie Forschung bis heute mit einer Einordnung von Autor und Werk, die über die gängigen Formeln des "Außenseiters", der über die Grunderfahrung des "Untergangs" schreibt, hinausginge (siehe hierzu auch "Legenden der Nossack-Literatur" im Abschnitt "Biographie"), eher schwer tun, eine Tatsache, die Nossack, der von einer grundlegenden Skepsis literarischen Etikettierungen wie Nihilismus, Surrealismus oder Existenzialismus gegenüber erfüllt war, sicher begrüßt hätte. In einer verdeckten Selbstdarstellung schrieb er 1957 über sich selbst: "Selbst wenn man Nossack als Menschen und Autor ablehnt, eines
wird man nicht leugnen können: daß er sich in jedem Satz, den er schreibt, mit jenem
sinnenhaften Einsatz preisgibt, den er selber in seinem Essay Über den Einsatz vom
Künstler fordert. Diese Echtheit ist es denn auch, die den Leser oder Hörer fast wider
willen in Bann schlägt. Über die extreme Schmucklosigkeit von Nossacks Prosa ist oft
geredet worden [. . .] Wie dem auch sei, nach wenigen Sätzen vermag man sich dem, was
diese lässige und oft monotone Prosa zu verschweigen weiß, nicht mehr zu entziehen. Um einen ersten Einblick in das Werk Nossacks zu ermöglichen, haben wir die folgenden Texte zusammengestellt:
eine Auswahl von Briefen Hinweise zur Werk-Bibliographie und zur Sekundärliteratur finden Sie auf unseren Literatur-Seiten ein Register aller hier erfaßten Werktexte Nossacks ermöglicht außerdem die gezielte Suche nach Texten Außerdem in Vorbereitung:
Das Werk Hans Erich Nossacks ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, im Suhrkamp Verlag in Frankfurt am Main erschienen; dort finden Sie auch einen Gesamtkatalog des Verlages mit allen lieferbaren Titeln von Hans Erich Nossack. |
Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer