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Das Alltagsdasein von Büchern

Eine Plauderei

Wer Bücher besitzt und Bücher liebt, mag seine Bibliothek groß oder klein sein, wird die Erfahrung gemacht haben, daß es keine befriedigende und allgemein gültige Lösung gibt, wie man sie ordnen soll, und daß es ohne Kompromisse dabei nicht abgeht. Es zeigt sich stets über kurz oder lang, und zwar oft zur Überraschung des gutgläubigen Besitzers, daß Bücher nicht einfach Sammelobjekte sind, die sich wie Briefmarken in einem Album an vorbestimmten Plätzen unterbringen oder wie Schmetterlinge nach einem System ordnen lassen, sondern daß man es mit höchst lebendigen Individuen zu tun hat, die nie aufhören, Rücksicht und Teilnahme zu verlangen, und die es fertig bringen, denjenigen zu blamieren, der ihren Ansprüchen nicht gebührend Rechnung trägt. Wen es nicht stört, wenn in seinem Bücherschrank zwei so dicke Bände wie Die Bibel und Das Kapital nebeneinanderstehen, obwohl es sich in beiden Büchern um Endzeit-Erwartungen handelt, der beweist seinen völligen Mangel an Taktgefühl, wohlverstanden, auch Marx gegenüber. Bücher fordern sogar nicht nur auf Grund des Nimbus, den ihnen der Name des Verfassers verleiht, individuelle Behandlung, sondern auch ihrem äußeren Gewande nach. So kommt es denn, daß der verantwortliche Besitzer sich dauernd zu Umstellungen gezwungen sieht, um selber Ruhe zu haben und sich mit seinen Büchern wohl zu fühlen. Nach einem solchen Versuch der Neuordnung steht er dann mit staubigen Händen und verstaubter Nase vor den anders gestellten Reihen und hält den Kopf schräg, um den Gesamteindruck besser beurteilen zu können. Fast immer wird er sich eingestehen müssen, daß wiederum nur eine vorläufige Lösung erreicht wurde.
Hier soll nicht von dem Inhalt der Bücher und nicht von der Wertschätzung die Rede sein, die man für den einen oder anderen Autor hegt. Das persönliche und sehr intime Verhältnis zum einzelnen Buch als Werk oder Dokument kompliziert natürlich die Ordnung der privaten Bibliothek in einer nie zu bewältigenden Weise. Der Erinnerungswert z. B. hängt von dem Zeitpunkt und dem Eindruck der ersten Lektüre des Buches ab, oft auch nur von dem Drum und Dran des Erwerbes; so erklärt es sich denn, daß einem zerfledderten oder auf schlechtem Papier gedruckten Exemplar größere Pietät entgegengebracht wird als einer besseren Ausgabe desselben Werkes, die später dazugekauft wurde. Obendrein ändert sich die persönliche Wertschätzung von Jahr zu Jahr mit der eigenen Entwicklung; Büchern, die dem Primaner ein Evangelium waren, wird der Vierzigjährige kaum mehr eine absolute Bedeutung beimessen; er wird sich ihrer sogar ein wenig schämen, so wie etwa der Tatsache, daß er als Knabe einmal den Fanfarenstößen der Wagnerschen Musik verfallen war. Hier soll jedoch nur von Büchern als einer Mehrzahl von Bänden gesprochen werden, von ihrem Verhalten als Gegenstand und dem Verhalten des Besitzers dem Gegenstand gegenüber, von ihrem Alltagsdasein also und dem alltäglichen Zusammensein mit ihnen.
Die Frau meines Klassenlehrers - eines trefflichen Literaten übrigens, der mir durch ein Diktat in der Sexta eine erste Ahnung dessen, was Kritik ist, vermittelte - wies einmal mit einer vorwurfsvollen Handbewegung auf die Bücherborde, mit denen selbst der lange Korridor der altmodischen Etage bis zur Decke gepolstert und verengt war, und meinte: »Diese Kilometer von Gedrucktem.« Als weiblicher und zumal hausfraulicher Stoßseufzer ist die Äußerung nur zu begreiflich, aber sie stimmt ebenso wenig wie die naive Frage eines wohlhabenden Amerikaners, die er seinem hiesigen Geschäftsfreunde vor dessen Bücherschrank stellte: »Gibt es denn bei Ihnen keine Leihbibliotheken?« Wie unzureichend die Auffassung ist, Bücher nur als Gedrucktes oder nur als Leseware zu betrachten, geht schon aus folgendem komischen Phänomen hervor, das wohl jeder Liebhaber von Büchern einmal erlebt hat: wenn er von einer Reise zurückkehrt, und inzwischen hat sein Zimmer das offenbar unvermeidliche Los des Gründlich-Reinemachens erlitten, so wird er auf den ersten Blick, ohne danach zu suchen, unter, sagen wir, zweitausend Bänden das eine Buch entdecken, das bei der Prozedur an einen anderen Platz oder in eine verkehrte Stellung geraten ist. Ganz instinktiv wird seine Reaktion sein, die gewohnte Ordnung sofort wiederherzustellen, und zwar nicht aus lächerlicher Pedanterie, sondern weil das Buch geradezu schreit: >Hilf mir doch aus der unwürdigen Lage!< Und nicht viel anders ist es mit Büchern, die man verliehen hat, oder die auszuleihen sich trotz aller bitteren Erfahrungen nicht vermeiden ließ. Die dadurch entstandene Lücke verursacht eine schmerzliche Beunruhigung und einen seelischen Konflikt, der nur zu geeignet ist, das Verhältnis zu dem Ausleihenden zu trüben, auch dann, wenn das betreffende Buch im Augenblick gar nicht gebraucht wird und überhaupt vielleicht nie wieder gelesen worden wäre. Es hat eben da zu sein und soll sich nicht herumtreiben.
Am ehesten lassen sich Bücher, die jemand besitzt, mit dem näheren oder weiteren Bekanntenkreis vergleichen, mit dem man Umgang hat. Auch die Bekannten können selbstverständlich ihrer Eigenart nach charakterisiert und kategorisiert werden, aber was nützt alle abstrakte Einteilung, wenn wir persönlich mit ihnen zusammen sind? Das wäre doch ein gar zu kaltschnäuziges Verhalten, das jeden lebendigen und fruchtbaren Kontakt im voraus unterbindet. Und so handeln wir denn auch Freunden und Bekannten gegenüber nicht nach einem ausgeklügelten Schema, sondern der Verkehr mit ihnen zwingt uns zu dem teilnehmenden Spiel, das auf Takt-Halten beruht und bei dem, wenn es nicht zu Kurzschluß kommen soll, stets Fragen offen bleiben.
Doch zur Sache! Es dürfte heute kaum jemanden geben, der sich eine Bibliothek ganz frei nach einer Idee und seinen Wünschen gemäß einrichten kann. Wohl jeder wird sich nach dem Raum, der zur Verfügung steht, richten müssen, und meistens auch nach den Möbeln, die schon vorhanden sind, um nur das zu erwähnen. Und das ist gut so, denn gerade dabei zeigt sich, daß Bücher lebendige Wesen sind. Gast und Gastgeber müssen mit dem Gegebenen vorlieb nehmen und sich angleichen; man kann unmöglich für jeden neuen Bekannten eine neue Umgebung schaffen. Doch selbst wenn wir den Idealfall setzen, daß jemand in der Lage sei, sich ein Haus nach seinen Träumen zu bauen und in dem Haus einen Bibliotheksraum, von dem er meint, daß er seinen Ansprüchen für alle Zeiten genügen wird, so bleibt dies eine Utopie. Der Fehler liegt in dem »für alle Zeiten«, eine Kalkulation, die von vorneherein jede Entwicklung auszuschalten trachtet. Allenfalls dürfte ein sehr alter Mann so denken, der sein natürliches Wachstum, und damit auch das seiner Bibliothek, für abgeschlossen hält und dem aus einem rein musealen Gesichtspunkt nur noch an erhaltender Ordnung des Bestandes gelegen ist. Alle anderen aber müssen damit rechnen, daß sie selber sowohl als auch ihre Lebensbedingungen sich dauernd wandeln, und daß eine Bibliothek nicht etwas ist, das sich mit einer einmaligen Anschaffung erledigen läßt. Das für unfehlbar gehaltene Programm wird schon sehr bald nicht mehr stimmen, und so muß sich auch der zäheste und mit ausreichenden Mitteln begnadete Planer eines Tages nach dem Gegebenen und ihm Zuwachsenden richten.
Eine ausschlaggebende Rolle spielt heute dabei, ob von etwas bereits Vorhandenem ausgegangen wird, oder ob es sich um einen Wiederbeginn handelt. Die Zahl der Glücklichen ist nicht allzu groß, die über Krieg und Flucht hinweg ihre Bibliothek so erhalten konnten, wie sie von Jugend auf mit ihnen gewachsen war. Für sie nämlich sind ihre Bücher ein Dokument, in dem sie ihren geistigen Lebenslauf vor Augen haben. Ob man dies nun als Glücksfall beneidet oder als Belastung bedauert, jedenfalls wird sich der Besitzer einer ursprünglichen Bibliothek ihr gegenüber zwangsläufig weit konservativer und pietätvoller verhalten als alle diejenigen, die ihre Bücher durch eine Katastrophe verloren haben und deren Lebenslauf unterbrochen und fraglich geworden ist. Um von mir selber zu sprechen: ich habe nach dem Verlust meiner Bibliothek im Jahre I943 sogar den Entschluß gefaßt, in Zukunft keine Bücher mehr zu besitzen, um mich nicht an sie zu hängen und nicht in meiner Beweglichkeit durch sie gehemmt zu werden. Ein damals noch sehr unklares Gefühl, das sich in Ekel und Gleichgültigkeit äußerte, sagte mir wohl auch, daß jeder Versuch, eine verlorene Vergangenheit zu restaurieren, zu nichts als zu einem Plagiat oder zu einer durch ihre Hohlheit gefährlichen Fassade führen würde, und daß nur ein Dasein, das sich zu der schicksalgegebenen Vergangenheitslosigkeit bekennt, aufrichtig und zeitgemäß wäre. Aber die Absicht hat sich nur ein paar Jahre lang durchführen lassen. Die Bücher fanden sich wie von selbst wieder ein und verlangten Unterbringung und Pflege. Es scheint sich also doch wohl um einen elementaren Vorgang zu handeln wie etwa, um im Bilde jener Zeiten zu bleiben, bei einem Baum, dem durch den Feuersturm das Laub versengt ist und der in rührender Weise schleunigst neue Triebe ansetzt, da er ohne Blätter ersticken müßte. Der Unterschied zu dem, was vorher war, ist jedoch recht deutlich: mögen die neuen Bücher wert sein, was sie wollen, es ist doch mehr eine Zufalls-Bibliothek, nicht die parallel mit mir Gewachsene oder humanistische. Lasse ich den Blick über die Bücherreihen laufen, nehme ich die luftleeren Stellen in meinem Lebenslauf wahr, die ausgelöschte Vergangenheit. Es fehlen die Bücher, mit denen ich groß geworden bin und die mich vor dreißig Jahren oder mehr entscheidend genährt haben, z. B. zahlreiche Märchenbücher, die in den zwanziger Jahren bei Eugen Diederichs, und die schönen Bände französischer Memoiren, die damals bei Georg Müller herauskamen. Auch wenn ich in der Lage wäre sie wieder zu kaufen, würde es nicht dasselbe sein, und daher bemühe ich mich gar nicht erst darum. Die glücklichen Nachtstunden, die ich mit ihnen verbracht habe, lassen sich mit Geld nicht wieder anschaffen; entweder sind sie ein Teil meines Wesens geworden oder sie waren gar nicht so maßgebend, in beiden Fällen bedarf es nicht der sichtbaren Erinnerung. Es ist also nicht weiter erstaunlich, daß man einer solchen Zufallsbibliothek weniger selbstverständlich und weit distanzierter gegenübersteht als jemand, der seine Bücher behalten hat. Man fühlt sich nicht als ihr Eigentümer, sondern nur als Gastgeber, und das ist bekanntlich eine Rolle, in der man seine Eigenheiten nicht in den Vordergrund stellen darf. Vielleicht macht sich überhaupt nur einer, der mit dem Verlust vertraut ist und daher nicht anders kann, als mit der möglichen Wiederholung des Verlustes zu rechnen, ernsthafte Sorge um ein wenigstens vorläufiges Asyl für die Dinge, die sich wieder zu ihm gesellen.
Wie schon gesagt, eine Patentlösung für die Einrichtung einer Bibliothek gibt es nicht, aber es lassen sich immerhin drei Grundprinzipien feststellen, nach denen man dabei vorgehen kann. In der Praxis werden sie niemals streng voneinander geschieden sein, die Grenzen sind Wasserlinien und es kommt zu Überschneidungen und Mischtypen. Dennoch wird man aus jedem Bücherbestand sofort ablesen können, welches Prinzip der Besitzer bei der Aufstellung verfolgt hat, und das gewährt wiederum Rückschlüsse auf seinen Charakter. Die drei Grundformen der Ordnung sind:

Nach ästhetischen Gesichtspunkten.

Nach Sachgebieten.

Nach dem Alphabet.

Man rümpfe nicht verächtlich die Nase, weil der ästhetische Gesichtspunkt vorangesetzt wird; niemand, der mit seinen Büchern zusammen lebt, wird um ihn herumkommen. Es braucht dabei nicht an die protzig gebundenen Klassiker gedacht zu werden, mit denen das Bürgertum zur Zeit der Großväter Bildung sichtbar zu machen für erforderlich hielt, wenn auch nur hinter Butzenscheiben. Auch heute noch zwingen ja die Möbelfabriken ausgesprochenen Nichtlesern beim Verkauf der Wohnzimmereinrichtung einen Bücherschrank auf, im Grunde ein unbrauchbares, platzraubendes Möbelstück, so wie ja auch für das Schlafzimmer eine Frisiertoilette für nötig erachtet wird, offenbar weil es im Film so Sitte ist, obwohl doch die Mehrzahl der Frauen kaum Zeit und Bedarf für so etwas haben dürfte. Selbst modernistische Innenarchitekten können es nicht lassen, in einen Raum, den die Bewohner nur für Cocktail-Parties benutzen wollen, ganz ausgefallene Büchergestellchen hineinzupraktizieren, auf die man kaum ein Schnapsglas abzustellen wagt. Übrigens zeigen sich für solche Zwecke die Buchgemeinschaften als eine willkommene Institution, die auf Abonnement ohne alle geistige Anstrengung und die Qual eigener Stellungnahme bereits allgemein anerkannte Bücher mit anspruchsvollen Lederrücken zur Füllung derartiger Möbelstücke ins Haus liefert. Mit dem ästhetischen Gesichtspunkt ist hier ganz einfach die Tatsache gemeint, daß keine Tapete, kein Bild, kein Wandschmuck und nicht einmal ein Blumenfenster dem Zimmer so viel Leben, Wärme und Atmosphäre zu verleihen vermögen wie eine Wand mit Büchern. Da entstehen zufällige Farbkombinationen, graphische Linien, plastische Unebenheiten und Rhythmen, die alles, was ein noch so gegenstandsloser Künstler konstruieren kann, an geschmacklicher Überzeugungskraft aus dem Felde schlagen. Genauer gesagt: an Natürlichkeit; denn es liegt nahe, an ein Gartenbeet zu denken, in dem trotz aller Planung sich die Pflanzen unvorhersehbar entwickeln. Auch Unkraut ist in einer Bibliothek nicht zu vermeiden, so daß es dauernden Jätens bedarf.
Welch eine lebhafte Architektur! Da sind die Gesamtausgaben und mehrbändigen Werke, die dem Bau eine zuverlässige Struktur geben. Da sind die unzähligen einzelnen Bausteine ganz verschiedenen Formats und verschiedener Färbung, durch die der Eindruck des Strukturellen wieder aufgehoben wird. Da gibt es als Zierleisten an der Fassade die sogenannten >Reihen< wie etwa die Bibliothek Suhrkamp, die Mainzer Reihe oder in seriöser Unauffälligkeit die Taschenausgabe von Kröner, um nur diese zu nennen. Da sieht man wie Girlanden oder Balkonblumen die Bändchen der Insel-Bücherei und die der Kleinen Geschenkreihe von Langen-Müller in ihrer eleganten Verspieltheit. Auch der, der seine Bücher nach einem anderen Prinzip geordnet hat, wird sich aus Schönheitsgründen immer wieder zu kleineren Korrekturen und Umstellungen veranlaßt sehen, um sein Auge zu befriedigen. Es ist ein widerlicher Anblick, wenn eine dünne, hochformatige Broschüre, obgleich sie der Sache nach dorthin gehört, einsam und wie ein schwankendes Rohr zwischen kleinen, untersetzten Bänden stehen muß wie etwa die von Manesse oder von Reclam. Da hilft dann nichts, als um des äußeren Eindrucks willen vom Prinzip abzuweichen; es ist nun einmal nicht möglich, den ästhetischen Gesichtspunkt ganz außer acht zu lassen. Nebenbei soll hier verraten werden, daß eine Bücherwand dem Zimmer nicht nur in metaphorischem Sinne Wärme verleiht, sondern auch in der ganz trivialen Bedeutung des Wortes. Das Haus, in dem ich zur Zeit wohne, ist zu dünn gebaut und nur schwer beheizbar. Nun sind aber die Bücher an der Nord- und Ostwand meines Arbeitsraumes aufgestellt und sowohl die Masse der Bücher selber als auch vor allem der kleine Zwischenraum zwischen der Rückwand des Gestelles und der Mauer verhindern den unerwünschten Abzug von Heizwärme. Auch das dürfte zum ästhetischen Gesichtspunkt gehören.
Die Bibliothek nach Sachgebieten zu ordnen, wird sich wohl immer ganz spontan als das Nächstliegende und Logischste anbieten. Es beginnt schon in der Jugend damit, daß man den Büchern, die einem besonders am Herzen liegen, einen bevorzugten Platz einräumt, um sie nah vor Augen zu haben und ein klein wenig auch, um damit zu prahlen und sich durch Sichtbarmachen des eigenen Geschmacks deutlich von anderen zu unterscheiden. Mit zunehmendem Alter wird man allerdings gerade das vermeiden, denn wozu, sagt man sich, soll ich jedem fremden Besucher gleich meine Einstellung und meine intimen Gedanken verraten. Es bedarf dann schon eines geübten Blickes und einiger Vertrautheit mit Bibliotheken, um aus dem Bücherbestand auf die Individualität des Besitzers zu schließen. So fiel mir eines Tages beim Gespräch mit einem Manne auf, den ich zum ersten Mal besuchte und der über eine sehr reichhaltige Bibliothek zeitgenössischer Literatur verfügte, daß unter seinen Büchern zwar mehrere Bände von Heinrich Mann standen, aber nicht ein einziger vom Bruder Thomas. Ein Zufall konnte das nicht sein, und später erfuhr ich denn auch, daß Thomas Mann dem Bibliotheksbesitzer menschlich so konträr war, daß er es geradezu physisch nicht über sich brachte, ein Buch dieses immerhin zeitgenössischen Autors in seinem Zimmer zu wissen. Das heißt zweifellos eine Idiosynkrasie übertreiben. Doch wie gesagt, es ist schon einige Erfahrung nötig, um solche Lücken wahrzunehmen.
Um auf die Ordnung nach Sachgebieten zurückzukommen: da ließe sich beispielsweise das, was gewöhnlich als Schöne Literatur bezeichnet wird, für sich stellen, etwa noch unterteilt in Epik, Lyrik, Drama und Essay oder in klassisch und modern oder nach Nationen und Sprachen. In einem andern Büchergestell bringt man die mehr wissenschaftlichen Werke unter, auch sie wiederum logisch und griffbereit in Abteilungen gesondert als da sind: Theologie, Philosophie, Geschichte, Kunstgeschichte, Technik usw. Das alles klingt so einfach und selbstverständlich, daß jeder dies Ordnungsprinzip für das gegebene halten wird, immer vorausgesetzt natürlich, daß der entsprechende Platz vorhanden ist. Doch kaum hat man mit dieser Einrichtung begonnen, erheben sich für den Bücherliebhaber auch schon ganz unlösbare Probleme und es zeigt sich, daß der Begriff Sachgebiet eine pure Abstraktion ist, der sich so lebendige und individuelle Behandlung fordernde Gegenstände wie Bücher nicht fügen wollen. Aus der Fülle der Fragen, die jeden zu einer rein persönlichen Entscheidung oder zu Kompromissen zwingen werden, seien hier nur einige herausgegriffen.
Es gibt immer einzelne Bücher, die ein so ausgefallenes Format haben, daß sie sich auch dann nicht an dem für sie bestimmten Platz unterbringen lassen, wenn man verstellbare Borde hat. Ferner: soll man das Buch eines Autors, das in einer der vorerwähnten >Reihen< erschienen ist, zu dem Autor stellen oder in der Reihe lassen? Gehört die Sekundärliteratur, die ja bekanntlich, wie z. B. im Falle Rilke, das Originalwerk an Umfang um ein Vielfaches zu übertreffen pflegt, zu dem besprochenen Autor oder vielleicht besser zur Literaturwissenschaft? Gehören Homer, Dante und Shakespeare wirklich in die Abteilungen Griechenland, Italien und England? Das mögen Fragen sein, die noch verhältnismäßig leicht zu entscheiden sind, aber: Wohin mit Anthologien? Wohin mit Märchen? Wohin mit Büchern, die weder Literatur noch Geschichte sind, obwohl sie für den Historiker oder Kulturwissenschaftler eine Fundgrube sein mögen, wohin mit Briefen, Memoiren und Tagebüchern wie z.B. den ganz einzigartigen von Pepys? Oder, um zwei konkrete Fälle zu erwähnen: Wie soll man Die Sieben Säulen der Weisheit von T. E. Lawrence klassifizieren? Gewiß, es handelt sich um ein Stück Zeitgeschichte, geschrieben von einem, der handelnd daran mitwirkte, aber genügt es, das Buch als Bericht über den arabischen Feldzug zu lesen? Denn es sind darin dreißig oder vierzig Seiten, die immer noch als das Modernste gelten können - trotz Camus und zwanzig Jahre vor ihm -, was über das Verhalten des aufrichtigen Einzelnen in einer glaubenslosen, absurden Welt ausgesagt wurde.
Die Fragen, die der scheinbar so klare Begriff Sachgebiet in der Praxis aufwirft, nehmen kein Ende. Welch ein Glück, möchte man sagen. Ein Glück für die Bücher, ein Glück für die, die die Bücher einmal geschrieben haben, und ein Glück für den, der sie besitzt. Das Leben, das die Bücher hervorgebracht hat und in sie eingegangen ist, wirkt fortzeugend und beweist sich als maßgebender als Abstraktionen. Die Fragen beweisen auch, daß der so leichthin erteilte, landläufige Tadel >Ein Büchermensch<, womit der geistige Arbeiter als verstaubt und realitätsfremd abgetan werden soll, nicht ohne weiteres Gültigkeit hat, da er die Tatsache ignoriert, daß sich jemand durch die zeitlose Realität, die sich in Büchern kundtut, mehr gefesselt fühlen kann als durch die kleine jahreszeitliche Realität der historischen Gegenwart. Jeder, der sich solchen Fragen bei der Ordnung seiner Bibliothek ausgesetzt findet, wird dabei entdecken, daß sich vornehmlich die Bücher einer Systematisierung verweigern, die ihm besonders nahe stehen, nicht so sehr wegen ihres Wertes an sich, sondern da sie ihn irgendwann einmal entscheidend bewegt oder beeinflußt haben. Zur Illustrierung möchte ich hier nur zwei Fälle nennen, die mir von Anfang an Kopfzerbrechen bereitet haben und für die ich bis heute keine Lösung gefunden habe, die mich befriedigt und zugleich den Büchern gerecht wird. Da sind einmal die beiden Bände Briefe aus der französischen Revolution, die zur Zeit in der Abteilung >Geschichte< stehen, lange Jahre aber unter Gustav Landauer abgestellt waren, der sie herausgegeben und mit einer bewundernswerten Einführung versehen hat, mit anderen Worten, dessen integre Persönlichkeit das Niveau der Auswahl bestimmte. Beide Plätze jedoch tragen dem Gefühl, das mich mit diesen Büchern verbindet oder meiner Anhänglichkeit nicht Rechnung. Der zweite Fall ist die dreibändige Ausgabe der Briefe an seinen Bruder von Van Gogh. Daß die Briefe trotz den darin enthaltenen Skizzen und den Ausführungen über Komplementärfarben nicht zur Kunstgeschichte gehören, ist klar; das wäre geradezu Blasphemie.
Aber sie sind auch keine Literatur. Wohin also damit? Am liebsten möchte man sie zu Pascal stellen, der ja unter der Rubrik Theologie alles andere als zufriedenstellend angesiedelt ist. Oder zu den Memoiren aus einem Totenhaus von Dostojewskij. Oder auch zu Louis Lambert von Balzac. Und ganz kurz blitzt die Idee auf, ob es nicht tunlich wäre, für derartige Bücher ein weiteres Sachgebiet >Menschliche Dokumente< einzurichten. Doch ebenso schnell stellt sich der Plan als absurd heraus, denn man wird sich bewußt, daß nur ein Buch, das menschliches Dokument ist, eine zeitlose Gegenwart hat, und daß es wünschenswert wäre, überhaupt nur eine Bibliothek menschlicher Dokumente zu besitzen, womit der Begriff Sachgebiet sich ganz aufhöbe.
Das alphabetische System wird man zunächst instinktiv als pedantisch und unpersönlich von sich weisen und es höchstens für öffentliche Bibliotheken und Buchhandlungen für geeignet halten. In der Tat geraten durch das Alphabet die Lieblinge leicht in einen dunklen Winkel oder auch so hoch, daß man sie nur mit Hilfe eines Stuhles erreichen kann. Außerdem verschiebt sich der Standort zwischen A und Z ununterbrochen; die Flut schwemmt neues Material an und die Bibliothek ist zwischen den Grenzdeichen wie eine Wanderdüne dauernd von links nach rechts in Bewegung. Geschieht es, daß durch die Verschiebung ein mehrbändiges Werk an das rechte Ende der Bordreihe gedrängt wird, kommt es zu einem Konflikt mit dem Alphabet; denn es geht nicht an, das von Natur Zusammengehörige auseinanderzureißen und einem System zu Gefallen die nächsttiefere Reihe links mit dem vereinsamten letzten Band der Ausgabe zu beginnen. Dagegen werden zweifellos viele der Probleme, die sich bei den anderen Systemen zeigen, durch die alphabetische Ordnung zwar nicht gelöst, aber doch neutralisiert, und es fragt sich, ob nicht gerade im Unpersönlichen ein Vorteil liegt.
Man glaube nur ja nicht, daß sich der Eigenwille der Bücher durch das Alphabet ersticken ließe; die Persönlichkeit beweist sich auch in diesem Falle der schematischen Abstraktion überlegen. Es kommt nämlich dabei zu ganz überraschenden Erfahrungen, die sich theoretisch niemals hätten gewinnen lassen. Im ersten Augenblick des Staunens darüber neigt man sogar zu der Vermutung, daß es eine Buchstabenmystik geben müsse. Sollte es nicht vielleicht so sein, daß ein Anfangsbuchstabe an sich zwingend prädestiniert oder daß die Verfasser der verschiedensten Perioden und Länder unbewußt diejenigen als Wahlverwandte und Gesprächspartner empfanden und sich in Tonart und Standpunkt ihnen anglichen, deren Name mit demselben Buchstaben beginnt? Auch wird man leicht die Beobachtung machen, daß einige Buchstaben sich besonderer Vorliebe zu erfreuen scheinen, andere dagegen als offenbar für die Literatur ungeeignet vernachlässigt werden. Während beispielsweise zum M von Macaulay bis Musil ein kaum zu bewältigender Andrang herrscht, wirkt das N, mein eigener Anfangsbuchstabe, trotz Nerval, Nievo und Novalis ziemlich verwaist; denn ob die Publizität, die Nabokow mit seiner Lolita diesem Buchstaben neuerdings zu verschaffen trachtet, von Dauer ist, muß wohl noch abgewartet werden.
Doch um sachlich zu bleiben: durch kein System wird es so deutlich wie durch das alphabetische, daß Bücher und ihre Verfasser außerhalb der geschichtlichen Zeit existieren und daß es sich bei einer Bibliothek um das anonyme Gespräch und den fruchtbaren Meinungsaustausch von Menschen über die Jahrhunderte hinweg handelt. Dem Gespräch lauschen zu dürfen, macht bescheiden, hindert daran, private Verzweiflungen zu überschätzen und verpflichtet in hohem Maße. Ganz absichtslos und nur dem alphabetischen Zufall zu verdanken, hört man zwei längst Verstorbene sich so souverän über ein gegenwärtiges Problem äußern, und oft sehr viel mutiger und endgültiger als wir Heutigen es wagen, daß man sich beschämt eingestellt, nur darum nicht mit dem Problem fertig geworden zu sein, weil man es als sein eigenes, einmaliges aufgefaßt hat. Auch ändert sich der kritische Blick und die Einschätzung einzelner Bücher, wenn man zwei Autoren, die man bislang nur historisch zu würdigen gewohnt war, plötzlich zusammenstehen und sich lebhaft unterhalten sieht.
Was ist es denn eigentlich, das uns zum Gesprächspartner eines Buches oder dessen Autors macht? Man versucht neuerdings, dies Phänomen gesellschaftlich zu erklären, aber das ist eine moralisierende Doktrin und jede angewandte Moral, das wissen wir von Kindern, macht ein Märchen unwirklich und zu einer verdächtigen Erfindung Erwachsener. Wenn wir Odysseus zu Nausikaa, die sich ein klein wenig in den alternden Spätheimkehrer verliebt hat, sagen hören: "Du hast mein Leben gerettet, O Jungfrau." (Odyssee VIII, 468), hieße es doch ein paar ganz gewichts- und geschichtslose Mädchentränen ihrer zarten Unsterblichkeit berauben, wollte man sie mit der politischen Situation des Jahres 900 vor unserer Zeitrechnung erklären. Und daß wir diese Tränen, die vor dreitausend Jahren geflossen sind, als Tatsache nehmen, obwohl sie bei Homer nicht einmal erwähnt sind, dürfte sich ebensowenig historisch-materialistisch begründen lassen. Kein Vergleich der Nöte des Dreißigjährigen Krieges mit unserer geschichtlichen Situation erklärt das Erschrecken und das Gefühl des Ertapptseins, das wir empfinden, wenn wir Andreas Gryphius genau die Worte sprechen hören, die wir mühsam in uns verdrängen:

Ich habe meine Zeit in heißer Angst verbracht:
Dies lebenlose Leben
Fällt, als ein Traum entweicht,
Wenn sich die Nacht begeben
Und nun der Mond erbleicht.
Doch mich hat dieser Traum nur schreckenvoll gemacht.

Nicht anders als Kinder wollen wir nämlich nicht belehrt werden, sondern miterleben dürfen. Und auf der Suche nach einem Miterlebenden, dem wir uns anvertrauen können, ohne von den Tüchtigen ausgelacht zu werden, begegnen wir einzelnen Menschen, die mit ihrer Zeit fertigzuwerden trachteten oder an ihr scheiterten, und das bleibt sich als Problem immer gleich und ist unser Problem. Es ist keine geschichtliche, sondern eine außergeschichtliche Situation, und die Sprache, die da gesprochen wird, und für die die jeweiligen, in ihren gesellschaftlichen Verhältnissen befangenen Zeitgenossen kein Ohr haben, wendet sich an uns und ist unsere Sprache. Jeder Liebhaber und Besitzer von Büchern sorgt in seiner Weise dafür, daß das große leidenschaftliche Gespräch des Menschen nicht aufhört. Diktatoren haben es stets zum Schweigen zu bringen versucht, da es ihren Anspruch auf Absolutheit fraglich macht, doch immer hat es sich als dauerhafter erwiesen als die Vernichtungstendenzen totalitärer Herrschaften; es ist allenfalls zeitweilig leiser geworden, aber dafür zu einem um so inbrünstigeren Raunen. Geben wir uns jedoch keinen Täuschungen hin: weit gefährlicher als Zensur und direkte Verbote von Machthabern ist die schleichende, von uns schon kaum mehr als artfremd empfundene oder aus Bequemlichkeit bereits bejahte Funktionalisierung des Daseins, durch die wir uns zu Organismen machen lassen, die auf das jeweils Gegebene in vorausberechenbarer Weise reagieren. Man wird selbstverständlich versuchen, und man tut es auch schon, das große Gespräch für ganz unpersönliche, rein gesellschaftliche Zwecke in Gang zu halten und zu pragmatisieren, aber gerade durch die Lautsprecherei wird das Ohr für das Eigentliche taub werden. Das dürfte bedeuten, daß es dann vielleicht noch so etwas gibt, was Menschheit genannt wird, resistente Stämme sozusagen, aber keinen Menschen mehr, worunter wir, um uns keiner Spruchbandphrase schuldig zu machen, ein Wesen verstehen wollen, das die Gabe und den Drang hat, Zwiesprache mit sich selbst zu halten. Es fragt sich, ob es sich lohnt, in einer solchen Welt und für eine solche zu existieren.
Doch zurück zur alphabetisch geordneten Bibliothek. Der Besitzer befindet sich tatsächlich in der Lage eines Gastgebers, der seine Räume für einen Empfang von Persönlichkeiten zur Verfügung stellt, die sich im Laufe der Zeiten einen Namen gemacht haben. Er wird sich vornehmen, den Gästen jede ihnen zustehende Freiheit zu lassen, und zugleich darüber wachen, daß niemand sich langweilt; er wird dafür sorgen, daß die Unterhaltung an keiner Stelle in ärgerlicher Weise abreißt, weil zufällig zwei Gäste beieinander stehen, die sich nichts zu sagen haben oder sich so verabscheuen, daß es Streit geben könnte. Natürlich gibt es einzelne, die es vorziehen zu schweigen und die wie Kleist oder Pavese bewußt abseits gehen; das ist ihr gutes Recht und muß geachtet werden. Doch im großen Ganzen wird die Erfahrung lehren, daß der Gastgeber nur selten einzugreifen braucht und daß es auch dort zu einem angeregten Meinungsaustausch kommt, wo Leute zusammenstellen, die er von sich aus niemals zusammenzudenken riskiert hätte.
Wiederum nur zur Illustrierung seien hier einige der Konstellationen genannt, mit denen das Alphabet mich freudig überrascht hat. Da sehe ich z. B. Boccaccio, Bonaventura, Boswell, Brecht und Brentano die Köpfe zusammenstecken und es zeigt sich, daß auch die beiden Letztgenannten eine verwandte Sprache reden, ganz entgegen der Meinung unseres derzeitigen Herrn Außenministers. Da sehe ich George und Gide, wie sie über den Kopf des kleinen Gessner hinweg Bemerkungen austauschen, ein wenig arrogant, aber sehr stilvoll. Daß Ibsen und Iffland beieinander stehen, kam mir im ersten Moment wie ein unerlaubter Literaturwitz vor, aber siehe da!, ihr gemeinsames Interesse für handfeste Bühnentechnik verbindet sie. In dem aufklärerischen Gespräch, das Lesage, Lessing und Lichtenberg miteinander führen, dient Ljesskow als Katalysator, und daß Pindar und der expressionistische Pinthus sich herzlich begrüßen würden, war ebenso wenig zu bezweifeln, wie daß Poe, Pontoppidan, Pound und Proust sich etwas zu sagen hätten. Ganz besonders lebhaft und nicht ohne geistreiches Aufschreien geht es in einer Gruppe zu, wo sich Stendhal, Sterne, Strindberg und die Leute vom >Sturm und Drang< befinden; Stifter, ganz seiner Art gemäß, steht in der Mitte wie in dem windstillen Zentrum eines Tornados, und hört mit ängstlicher Aufmerksamkeit zu.
Die Beispiele lassen sich nach Belieben vermehren; die Literaturwissenschaft sollte ihr Augenmerk auf derartige Konstellationen richten. Nur hin und wieder sah sich der Gastgeber gezwungen, korrigierend einzugreifen, um Kränkungen zu verhüten, die dann ihm selber zum Vorwurf geraten wären. Der alphabetische Zufall brachte es mit sich, daß Matthias Claudius zwischen Claudel und Clausewitz stand. Der friedfertige Wandsbeker Bote flankiert von einem Zeloten und einem Generalstäbler, das war ein erbarmungswürdiger Anblick und nicht zu dulden. So wurde Clausewitz trotz seiner vorbildlichen Prosa in eine andere Abteilung komplimentiert, denn was Claudel anlangt, so bleibt zu hoffen, daß die alte Spruchweisheit sich bewährt, nach welcher das Härtere durch das Weichere überwunden wird; auch wird er sich vielleicht in seinen allzu aufdringlichen Theatergebärden Mäßigung auferlegen, da nunmehr Cocteau auf der anderen Seite von Claudius steht. Daß Jahnn und Ernst Jünger anfangs aneinander gerieten, war ebenfalls nur auf einen alphabetischen Mißgriff zurückzuführen. Zum Glück stellte sich sofort Joyce dazwischen, und im Laufe der Zeit bildeten noch zusätzlich sechs Bände Jahresring eine schalldichte Mauer zwischen zwei Personen, die ganz unmöglich gleichzeitig zu denken sind. In einem einzigen Fall gab es keine logische Abhilfe. Es handelte sich um zwei lebende Autoren, von denen dem Gastgeber bekannt war, daß sie sich nicht riechen konnten. Alles Zureden, den Anfangsbuchstaben zuliebe doch verträglich zu sein, fruchtete nichts; die Gesichter blieben beleidigt und aus diesem Winkel der Bibliothek drohte eine Explosion. Da gibt es denn nur noch ein einziges Mittel, das sich am treffendsten als >corriger l'alphabet< bezeichnen läßt. In meinem Fall war der alte Tiedge mit seiner Urania zur Hand; er wurde gegen die alphabetische Ordnung zwischen die feindlichen Herren gestellt und darf auf die Weise seine Scheinrolle in der Literaturgeschichte noch ein wenig länger spielen.
Bei der Urania mag zur Entschuldigung ihrer Existenz dienen, daß sie in einer Erstausgabe mit lächerlich sentimentalen Kupfern vertreten ist. An sich nämlich bleibt gerade anläßlich Tiedge folgende Erwägung nicht aus: sein lyrisch-didaktisches Gedicht über Gott, Unsterblichkeit und Freiheit - mehr kann man nicht verlangen - vermag beim besten Willen kein Mensch mehr zu lesen. Auch zu seinen Erfolgszeiten war es nicht mehr wert; die Einsichtigen machten sich damals darüber lustig oder erbosten sich. Trotzdem war das Buch vor hundertfünfzig Jahren ein >Bestseller<, es lag in allen Salons herum und war Teegespräch. Die Urania ist das typische Beispiel für ein literarisches Produkt, das von seinem Zeitalter für große Dichtung gehalten wird, weil es ein rein gesellschaftliches, modisch bedingtes Luxusbedürfnis befriedigt. Offenbar eignet sich eine breiigsüßliche oder auch adjektivisch aufgequollene Diktion besonders gut dazu; allegorischer Unsinn gilt als unerhörter Tiefsinn und dient als Religionsersatz. Solchen Edelkitsch gibt es immer wieder, zur Freude der Verleger; es ist nachgerade eine gesetzmäßige Erscheinung, daß Verseschreiber und Schriftsteller aus zweiter oder dritter Hand unmittelbaren Erfolg haben. Sie verwenden, zerkauen und säkularisieren originales Gedankengut, um es gebrauchsfertig an den Konsumenten zu liefern, der sich auf die Weise ohne persönliche Anstrengung mit dem Vitamin >Bildung< sättigen kann. Worauf es jedoch bei unserer Betrachtung ankommt: es ist keineswegs nötig, sämtliche Tiedges, die einem ins Haus geraten, in die Bibliothek zu stellen. Das würde Übersichtlichkeit und Gesicht einer Bücherei nur verderben, um gar nicht von dem Platz zu reden, der das verbietet; man läßt sich ja auch nicht von jeder aufgeputzten Zufallsbekanntschaft die Zeit rauben. Nun dürfte in den weitaus meisten Fällen die Entscheidung nicht schwer sein, ob ein Buch zum großen zeitlosen Gespräch und damit in die Bibliothek gehört oder ob es sich nur um Tagesgeschwätz handelt. Aber es kommt auch vor, daß selbst der gewitzte Fachmann sich im Zweifel ist, sei es, daß er seinem Fingerspitzengefühl nicht traut und kein vorschnelles Urteil sprechen möchte, sei es, daß auch er durch den Publizitätsrummel verwirrt ist. Vor allem bei Erstlingsbüchern, die als Versprechen gelten könnten, ist die Entscheidung nicht immer leicht. Wie steht es z.B. mit Werthers Leiden? Hand aufs Herz, hätte wohl jeder von uns den Autor und sein Buch beim ersten Erscheinen richtig einzuschätzen gewußt? Würde gerade der rasche und gar zu allgemeine Erfolg uns stutzig gemacht haben? Es erhebt sich also die Frage, ob man nicht für Zweifelsfälle dieser Art so etwas wie eine Quarantäne-Station in der Bibliothek einrichten sollte; denn nach einem halben Jahr, kaum länger, wenn das erste Geschrei verklungen ist, wird es ziemlich klar sein, welcher Wert dem fraglichen Buch beizumessen ist.
Was aber macht man mit Büchern, denen man keinen Platz in seiner Bibliothek zuzubilligen bereit ist? Wie soll man sie wieder loswerden? Man kann doch nicht gut ein Buch verschenken, das man selber für überflüssig oder minderwertig hält. Gerade dem sogenannten Fachmann verbietet sich diese naheliegende Verwendung als passendes Geburtstagsgeschenk an Nicht-Fachleute. Denn der Beschenkte wird unweigerlich denken: >Aha, der ist ja Fachmann und weiß Bescheid< und wird sich abquälen, in dem Buch einen Wert zu suchen, den der Schenkende darin vermißt. Aus dem Dilemma gibt es jedoch einen willkommenen Ausweg: man trage die unbrauchbaren Bücher zu einem befreundeten Antiquariat und tausche sie dort gegen das ein, was einem fehlt.
Und zum Schluß noch eine Frage: wo soll jemand die Bücher, die er selber geschrieben hat, in seiner Bibliothek unterbringen? Einen prominenten Platz kann man ihnen nicht gut einräumen und sie in den großen Strom am richtigen alphabetischen Ort einreihen, hieße sich selbst historisieren und sollte besser der Literaturgeschichte überlassen bleiben. Hinzu kommt noch, daß es kaum einen ernstzunehmenden Schriftsteller geben dürfte, der die eigenen Bücher aus freien Stücken wiederlesen wird. Aber zuweilen wird er von anderer Seite dazu genötigt, und jedenfalls müssen die Bücher als Ausweis oder aus bibliographischen Gründen irgendwo im Haus aufbewahrt werden. Also wohin damit?
Mein Vorschlag ist, sie in die Gegend der Nachschlagewerke zu stellen.

In: Jahrbuch 1960 der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, S. 215-228

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer