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Dann entschuldigen Sie, bitte

Die Geschichte ist so unglaublich, daß sie sich eigentlich nur träumen läßt. Im Polizeibericht der Zeitung stand am nächsten Tag: 'Mutiger Einwohner vertreibt Fassadenkletterer trotz vorgehaltener Pistole'. Das stimmt nicht. Der Einwohner ist weder mutig gewesen, noch hat er den anderen vertrieben. Allenfalls hat er ihn durch passives Verhalten von der Sinnlosigkeit des Unternehmens überzeugt; aber gerade das ist so unglaubhaft.
Passiert ist es in der Nacht vom 17. auf den 18. August gegen halb drei in der Goethestraße zu Frankfurt. Das wenigstens steht aktenmäßig fest. Ja, ausgerechnet in der Goethestraße, so kitschig das auch klingen mag. Aber daran läßt sich nichts ändern, meine Wohnung befindet sich da, oben im sechsten Stock. Sie liegt etwas zurück; davor gibt es, genauso wie bei den Nachbarhäusern, eine drei Meter breite Terrasse. Das hat mit der Baufluchtlinie zu tun, eine sehr angenehme Vorschrift, denn durch die Terrasse und die gemauerte Balustrade wird der Lärm der verkehrsreichen Goethestraße völlig neutralisiert.
Der kleine Raum, in dem ich schlafe, ist nur zur Hälfte durch eine Wand vom Arbeitszimmer abgeteilt. Die andere Hälfte ist ein offener Durchgang; für eine Tür wäre kein Platz. Wenn ich im Bett liege, kann ich ins Arbeitszimmer schauen. Es ist nie ganz dunkel da. Die Neonreklame vom Hochhaus in der Bockenheimer Straße wirft amüsante Lichtreflexe auf Wände und Bücher, die vier Reifen der AUTO-UNION in Gelb, DYNAMIT NOBEL in Weiß und der so notwendige Gebrauchsartikel, der sich mit SELBSTVERSTÄNDLICH SERVUS empfiehlt, in Giftgrün.
Das Fenster zu meinem Arbeitszimmer stand offen. Jetzt pflege ich es zu schließen oder schräg zu stellen. Leider. Man hatte mich schon vorher gewarnt, denn das Haus nebenan befindet sich noch im Bau. In jener Nacht gab es da noch ein Gerüst, und Türen und Fenster waren noch nicht eingesetzt. Man brauchte also kein ausgebildeter Fassadenkletterer zu sein, um auf die Dächer zu gelangen. Der Zugang durch den offenen Neubau war bequem genug.
Nun gut. Von irgend etwas wache ich auf und drehe mich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Ob mir das gelungen ist und ob bis zum nächsten Ereignis eine Minute oder fünf Minuten verstrichen sind, läßt sich nicht mehr feststellen. Als ich die Augen wieder aufmache, sehe ich einen Schatten, der sich im Rahmen des offenen Fensters bewegt, und schreie ihn an: »Scheren Sie sich gefälligst 'raus!« Ich werfe die Decke beiseite und springe aus dem Bett, komme aber nicht weit. Ich kann nur gerade die Füße auf den Boden setzen und muß dann auf der Bettkante sitzenbleiben, die Arme nach hinten aufgestützt. Denn vor mir steht jemand, in der Rechten einen Revolver, in der Linken eine Taschenlampe, und ich werde ermahnt: »Kein Geschrei! Und nehmen Sie die Hände hoch!« Das wäre dann doch schon gar zu kinohaft, weshalb ich nur knurre: »Nein, tue ich nicht.« Die Gestalt besteht auch nicht weiter auf dem Händehochnehmen, sie sagt: »Keine Bewegung! Bilden Sie sich nicht ein, daß ich es nicht ernst meine.«
Daraufhin läßt sich nicht viel sagen. Der Mann ist jung und schlank, er hat einen schwarzen Pullover an. Mehr kann man wegen der Taschenlampe nicht sehen. Aber er spricht dialektfreies Hochdeutsch, das fällt auf, und zwar angenehm; man ist sozusagen mehr unter sich. Ich betrachte verdrossen den Revolver, denn wohin soll man sonst blicken. Keine Gaspistole, sondern ein alter Trommelrevolver. Das Metall ist blind und etwas zerkratzt. Ziemlich langer Lauf und großes Kaliber. Eine von den Waffen, aus denen man früher mit diesen üblen Bleipatronen schoß. Vielleicht ist das Ding nicht geladen, doch das merkt man ja erst hinterher.
Meine Erfahrungen, was solche Situationen betrifft, stammen ausschließlich aus amerikanischen Kriminalromanen. Der junge Mann steht viel zu nah vor mir. Da ich sehr niedrig sitze, könnte ich rasch nach vorne tauchen und ihn umwerfen. Aber dazu muß man ein heldenhafter amerikanischer Privatdetektiv und mindestens zwanzig Jahre jünger sein.
Ich überlege krampfhaft, wie sich die dumme Situation erledigen läßt, ohne Lärm und ohne daß andere davon aufgeweckt werden; das scheint mir die Hauptsache zu sein. Doch ich darf mich nicht rühren, die Initiative liegt nicht bei mir, ich kann nur abwarten. Das verbessert die Laune nicht.
Mein Besucher stellt vermutlich ähnliche Überlegungen an. Ich merke, wie er kurz zur Tür hinblicke, die zum Korridor führt. Er sagt: »Stehen Sie auf und gehen Sie hinaus.« Woraufhin ich ihn wieder nur anknurre: »Nein, tue ich nicht. Was soll der Blödsinn?« Und wieder besteht der junge Mann nicht weiter darauf. Wir halten uns eine Weile schweigend. Dann fragt er: »Sie haben sich wohl sehr erschrocken?« Und ich antworte: »Na klar. Was glauben Sie?«
Er tritt zwei Schritte zurück, zum Arbeitszimmer hin, und sagt: »Rühren Sie sich nicht.« Ganz kurz läßt er den Strahl der Taschenlampe über die Bücherwände gleiten und fragt: »Was sind Sie denn von Beruf?« »Schriftsteller«, antworte ich verärgert, denn ich komme mir reichlich albern vor. Doch er meint: »Ich habe mir schon so etwas gedacht.«
Was für eine Bemerkung! Ich beobachte die Silhouette meines Besuchers voller Verwunderung. Über dem Stuhl im Arbeitszimmer hängt mein Anzug mit der Brieftasche, auf dem Tisch liegt ganz offen die Armbanduhr. Das alles wird nur ganz kurz von der Taschenlampe angestrahlt. Schließlich sagt der junge Mann: »Ja, dann entschuldigen Sie bitte. Und keine Panik! Lassen Sie mich erst fort.« Er schwingt sich aufs Fensterbrett und springt hinaus.
Ich stehe sofort auf und gehe langsam zum Arbeitszimmer. Ich sehe, wie der Schatten draußen um das Gitter herum zur Terrasse nebenan klettert und dort ohne jede Eile, mehr gleitend, im Neubau verschwindet. Ich schließe erst einmal leise das Fenster. Soll man die Sache damit nicht als erledigt betrachten? Im Grunde neige ich dazu. Niemand ist gestört worden, und seien wir doch ehrlich: der junge Mann gehört mehr auf meine Seite des Daseins, wo es nicht Sitte ist, wegen solcher Beunruhigungen gleich nach der Staatsmacht zu schreien.
Aber schon beginnt der zweite Akt des wunderbaren Films. In der Schlafkammer geht das Licht an, und meine Frau kommt herein, einen dreiarmigen Leuchter mit schwerem Marmorfuß schlagbereit in der Hand. »Was ist los?« fragt sie, und ich sagte: »Ja, nun ist er gerade weg.« »Soll ich die Polizei anrufen?« »Na ja, meinetwegen.«
Das Zimmer meiner Frau ist von meinem durch den Korridor getrennt. Auch sie war von irgend etwas aufgewacht, vielleicht, gleich zu Anfang, als ich den Mann anschrie, oder von dem Bums, als er ins Zimmer sprang. Zuerst hatte sie angenommen, daß ich wieder einmal aus dem Bett gefallen wäre. Zu meiner Schande sei es gestanden, das passiert jedes halbe Jahr einmal. Auf der Flucht vor einem bissigen Köter wälze ich mich mühsam aus dem Bett. Ich möchte jedem davon abraten, denn man kann einen Herzschlag von der Anstrengung bekommen. Daß man sich weh tut, ist das geringste, davon wacht man wenigstens auf, aber man ist völlig erschöpft und braucht lange Zeit, um wieder zu Atem zu kommen. Und sicher geht es dabei nicht ohne Stöhnen und Ausrufe ab.
Um mich nicht gar zu sehr zu beschämen, pflegt meine Frau von diesem unseriösen Benehmen keine Notiz zu nehmen. Doch diesmal machte sie die ruhige Unterhaltung stutzig. Sie warf einen Morgenrock über, zog sich Schuhe an und ergriff den Leuchter, um ihrem Mann zu Hilfe zu kommen. Eine herrliche Szene!
Der Streifenwagen der Polizei war in zwei Minuten da. Und über Funk wurde ein Überfallkommando geholt. Sechs Polizisten schwärmten von unserer Wohnung aus über die Dächer der Goethestraße. Und auch unten und auf der Hintergasse standen welche und strahlten die Häuser an. Alles wie im Kino. Eine wahre Pracht.
Auf der Balustrade zur Nachbarstraße wurde ein Vorschlaghammer gefunden. Das hat meine Sympathie für den jungen Mann, den ich für einen Anfänger hielt, sehr gedämpft. Außerdem hatte er dort, entschuldigen Sie bitte, einen Haufen hingesetzt. Und zwei Häuser weiter hatte er ein Fenster fachmännisch angebohrt und war in die Kantine des Modehauses eingebrochen, wenn auch ohne Erfolg, da eine Eisentür das Vordringen in die unteren Stockwerke verhinderte.
Eine unruhige Nacht. Und in aller Frühe kamen die Fingerabdruckexperten und schmierten die Fensterrahmen ein. Und ich wurde aufgefordert, eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch zu unterzeichnen.
Das ist alles. Natürlich habe ich nachher mein Verhalten analysiert; schließlich bin ich Schriftsteller. Ich habe mich so benommen, wie man sich im Traum benimmt. Man träumt und sagt sich zugleich: Na schön, ich träume. Da läßt sich nichts machen. Und ausnahmsweise war es richtig, sich so zu verhalten. Wäre meine Frau eine halbe Minute früher ins Zimmer getreten, hätte ich zweifellos aufwachen und in Aktion treten müssen, das wäre die selbstverständliche Reaktion gewesen. Wer weiß, was für eine Schweinerei daraus entstanden wäre.
Mit Mut hat das alles ebensowenig zu tun wie mit Angst. Dafür war überhaupt keine Gelegenheit. Du lieber Himmel, ich war ganz einfach schlechter Laune. So schlechter Laune, wie ein älterer Schriftsteller werden kann, wenn man ihn zur Unzeit stört. Aber wie denkt der junge Mann darüber?

[zuerst u.d.T. Entschuldigen Sie bitte vielmals] in: Die Welt, 16. Oktober 1965

Hans Erich Nossack - 1901-1977: Internet-Dokumentation der Arbeitsstelle Hans Erich Nossack der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Redaktion: Gabriele Söhling, Johannes Hilgart, Thomas Hilsheimer, Gestaltung: Thomas Hilsheimer